Reisebericht zum Fahrtenwettbewerb Küste in 2017
auf Goderac (Sund 27)

Besatzung:
Elisabeth Reese (SGaM)
Peter Westphal (SGaM)

04.06.2017 - 08.06.2017

Auch in diesem Jahr hatten wir das dänische Smεllands-Fahrwasser als Reiseziel auserkoren. Im letzten Jahr hatten wir es wetterbedingt nicht erreicht. Daher wollten wir es in diesem Jahr noch einmal versuchen.

Aber schon nach wenigen Kilometern Spreefahrt wurden wir mit einer optischen und akustischen Abgastemperaturwarnung konfrontiert. Bei geringer Drehzahl und entsprechend langsamer Fahrt ließ sich diese Warnung vermeiden. Nach Rücksprache mit der Werkstatt konnten wir feststellen, daß es sich um einen Fehlalarm handelte. Sicheres Indiz war der lediglich handwarme Auspuffkrümmer. Wir konnten die Fahrt also fortsetzen, unter ständiger Begleitung der Fehl-Alarmsignale.

Unter diesen Umständen hatte sich unsere Anreise von Heimatsteg über Spree, Havel-Oder-Wasserstraße, Hohensaaten-Friedrichstaler-Wasserstraße und Westoder nach Stettin deutlich verzögert. So erreichten wir nach vier Tagen Fahrt am 08.06.2017 die Autobahnbrücke in Stettin – also Seewasser.


08.06.2017

Die ersten Seemeilen bis zu unserem ersten Seehafen Gozlaw (PL) bei Stettin erreichten wir dann aber wohlbehalten und konnten uns dort über den, wie immer, freundlichen Empfang freuen. Bei der nahegelegenen Auto-Tankstelle hatten wir noch am selben Tag Kraftstoff gebunkert und am Abend den Mast zum Stellen für den nächsten Tag vorbereitet.


09.06.2017 – 10.06.2017

Das Maststellen am Vormittag unter Zuhilfenahme des elektrischen Krans und dessen versierter Bedienung durch den uns wohlbekannten "Kranführer" verlief beinahe reibungsfrei. So konnten wir bis zum Nachmittag abschließend Aufriggen, Segel anschlagen und das Boot zur Abreise klarieren. Kurz nach 15:00 Uhr waren wir startklar und der wolkenlose Himmel, Wind mit 3 bft, in Böen 4, aus Süd luden zu einer herrlichen Fahrt unter Segel ein. Unter solchen Bedingungen ist eine Fahrt von Gozlaw bis zur Kaiserfahrt unter Segeln möglich – ein absolutes Muß!

Gegen 21:00 Uhr standen wir c.a. 1 sm vor den Molenköpfen der Kaiserfahrt. Doch ein aus West heranziehend schmales Wolkenband, das ich schon eine ganze Weile mißtrauisch im Blick hatte, entpuppte sich über Wollin als schmutzig-gelbe Böenwalze. Hastig rollen wir das Vorsegel, das wir mit Stagreitern anschlagen, ein, bergen das Groß, zurren es fest und starten die Maschine. Keine Minute zu früh – als ob ein Schalter umgelegt wurde, hatten wir von einem Augenblick zum nächsten Wind von sicherlich 8 bft! Im Nu färbte sich die Wasseroberfläche schwarz, übersäht mit weißen Schlieren. Unter Vollgas versuchen wir, noch die letzte Seemeile, bis in die schützende Kaiserfahrt, hinter uns zu bringen. Aber unsere 11 PS reichen nicht, wir kommen ihr keinen Meter näher, das Boot fällt immer wieder nach Lee ab. Mit dieser Bewegung fahre ich unter Maschine eine Halse und lege das Boot in den Wind. Dieser Vorgang wiederholt sich unzählige Male – aber ich kann so unsere Position einigermaßen halten.

Gleichzeitig beobachte ich, wie sich das Vorsegel im oberen Drittel aufbläht! Der Wind greift unter das Tuch und löst es immer mehr. Im unteren Drittel wird das Tuch immer enger gezogen. Bald fängt das gelöste Tuch an zu schlagen und geht schließlich in Fetzen. Der Spinnaker-Baum löst sich von der unteren Fixierung und hängt nun frei am Topnant. Wild schlägt er um sich, rasiert dabei das Dampferlicht ab. Schließlich kracht er auf das Deck. Wie sich später herausstellen sollte, war der untere Schäkel gebrochen, der obere hatte sich im Bolzen gelöst. Nach ca. 1 Stunde ließ der Wind etwas nach und wir konnten uns endlich im Schneckentempo der Kaiserfahrt nähern. In der Zwischenzeit war es stockdunkel geworden. Unter höchster Anspannung konnten wir dann die Molenfeuer, die nun scheinbar erschreckend dicht beieinander zu stehen schienen, passieren. Wir hatten es endlich geschafft und die schützende Windabdeckung in der Kaiserfahrt erreicht. Dafür fängt es nun an zu regnen.

Wir hatten reichlich "Federn lassen müssen" und waren beide ziemlich konsterniert.

"Jetzt in der Dunkelheit nur keinen Steuerfehler machen", dachte ich und folgte dem Richtfeuer. Sorgfältig achtete ich darauf, das Ober- und Unterfeuer in Deckung bleiben. Dann ein leises Hornsignal hinter mir. Ich drehte mich um und mich traf fast der Schlag. Ein Seeschiff war dicht hinter uns und gab mit einem lächerlich dünnem Ton Signal. Sofort riss ich das Ruder nach Steuerbord und wich aus. Ein Crewmitglied brüllte in unverständlicher Sprache von der Brücke zu uns hinunter. Dann war der Spuk vorbei – endlich Ruhe!

Kurz vor Mitternacht, die Marina war schon ganz nah, kam blinkendes Blaulicht auf uns zu – die polnische Küstenwache! Bei inzwischen strömenden Regen wurden wir aufgefordert, zu folgen. Schließlich mußten wir an einem Bollwerk am Boot der Küstenwache längsseits gehen. Die "Papiere" sollten geprüft werden! Es stellte sich heraus, daß Elisabeth ihren Personalausweis zu Hause in der Handtasche gebunkert hatte! Das könnte nun dauern!

Während wir auf das Ergebnis der Identitätsfestellung warteten, wurden die Schäden an unserem Boot von den Beamten begutachtet. Sie erklärten dabei, daß der Schiffsführer des Frachtschiffes sich beschwert hatte. Wir seien ihm zu nahe gekommen, weniger als eine Seemeile, wir hätten früher ausweichen müssen. Nun müßten sie dem nachgehen. Aber alles verlief in entspannter, überaus freundlicher Atmosphäre. - Und wir hatten erklärtermaßen Glück. Nach nur ca. zwei Stunden, es regnete inzwischen "Katzen und Hunde", diverse Formulare waren inzwischen von allen Beteiligten ausgefüllt, war Elisabeth Identität geklärt. Nach umfassender Aufklärung über illegale Einreisen in Polen (ohne Identitätspapier) und den strafrechtlichen Folgen, wenn wir das Land nicht sofort verlassen, wurde uns ein Zwischenstopp in der Marina von Swinemünde erlaubt! Um 2:20 hatten wir dann endlich am Steg festgemacht.


11.06.2017

Wir machten uns, wie geplant, auf den Weg nach Sassnitz. Natürlich nahmen wir den kürzesten, denn wir hielten uns schließlich illegal in Polen auf. Und wir hofften, im Rathaus von Sassnitz, Ersatzpapiere beschaffen zu können. Bei leichter Briese verlief die Überfahrt zur Insel ereignislos. Wir hatten ja auch reichlich vorgelegt!


14.06.2017

Nach zwei Tagen und deutlich energischen Auftreten im Rathaus von Sassnitz hatte Elisabeth nun ihren Ersatzausweis erhalten - also alles klar zur Weiterreise, zum nächsten "Zwischenstopp": Glowe. Von dort sollte es dann weitergehen nach Mψn (DK). Bei gutem Wind liefen wir an den Kreidefelsen entlang und weiter parallel zu Rügens Ufern. In Glowe angekommen, hatten wir erst mal viel Zeit. Es wehte anderntags mit den vorausgesagten 8 bft. Da blieben wir doch gerne dort, wo wir gerade waren.


18.06.2017

Bei Wind, prognostiziert anhaltend aus westlichen Richtungen, war die Insel Mψn (DK) doch ganz schön weit entfernt. Das ließ auf eine lang andauernde Fahrt gegen Wind und Welle schließen. Aber Hiddensee ist nicht ganz so weit und vielleicht wäre eine Überfahrt von dort leichter. Wir wollten es versuchen. Bei fast wolkenlosem Himmel und gutem Wind machten wir uns zeitig auf den Weg. Schon bald peilte Kap Arkona querab. Und es wurde diesig - Sonne weg. Rügen zog sich hinter einem Dunstschleier zurück. Wind, Welle und Schaumkronen kamen genau von vorn, wir kreuzten – kreuzten, kreuzten, kreuzten. Hiddensee schien irgendwie doch weiter als gedacht. Am Nachmittag löste sich der Dunst aber auf und wir hatten nun einen wolkenlosen Himmel. Um 19:00 Uhr erreichten wir endlich die Ansteuerungstonne Hiddensee. Wir wollten nach Kloster.

Das betonnte Fahrwasser ab Tonne K 8/V 1 Richtung Kloster war erschreckend schmal, die Betonnung bei tiefstehender Sonne nur schlecht zu erkennen. Vorsichtig tasteten wir uns unter Maschine in Richtung Kloster vor. – Aber es half nicht, wir liefen an Steuerbord auf Grund. Eine Stunde versuchten wir, wieder freizukommen. Das einzige Ergebnis: wir hatten uns scheinbar ein größeres Loch gegraben, in dem wir uns bewegen konnten, aber aus dem wir nicht mehr herauskamen. Was also tun?

Es begann langsam zu dämmern! Hier bis zum nächsten Tag liegen bleiben? – Aber was, wenn Wind aufkommt? Dann rutschen wir möglicherweise immer weiter ins Flach. Die im Internet gefundene Telefonnummer des nahen Hafenmeisters von Vitte stellte sich als falsch heraus. Also per Funk versucht – keine Antwort. Ich setzte einen Notruf über Kanal 16 ab – keine Antwort !!! Funke defekt? Es wurde langsam dunkel. Voller Aufregung schoß ich Rot! Schon nach wenigen Minuten, die wie Ewigkeit scheinen, näherte sich von Vitte ein kleines Boot der DGzRS! – Nachdem ich der Mannschaft die Situation erläutert hatte, stellten diese erst einmal fest, daß es sich um keinen Notfall handele. Aber sie schleppten uns bis vor die Marina in Vitte. Zum Glück, die Betonnung war in der Dunkelheit kaum noch auszumachen. Dankbar verabschiedeten wir uns von der Rettungs-Crew.


20.06.2016

Die Prognose Wind aus West sollte für die nächsten Tage stabil bleiben. Ein Übersetzen nach Mψn (DK) schien von Hiddensee in angemessener Zeit nicht möglich – nur gegenan! Auch wurde unsere Zeit mal wieder etwas knapp.

Wir beschlossen, langsam die Rückfahrt ins Auge zu fassen. Zunächst mit Zwischenstopp in Lohme. Mit Rauschefahrt "flogen" wir unserem Ziel entgegen. Das war der Lohn für unser vorausgegangenes Kreuzen! Schon am frühen Nachmittag machten wir in Lohme fest – ein herrliches Fleckchen Erde! Wir beschlossen sofort auch noch den nächsten Tag zu bleiben.

Und bald machte auch die "Summertime" in unserer Reihe fest. Es waren tatsächlich unser Revier-Fahrtenobmann Ronald mit seiner Frau Manuela, die von Schweden kommend hier einliefen. Eine schöne Überraschung und ein Fingerzeig, wie sich noch herausstellen sollte (s. unser Fazit)!


22.06.2017

Den kurzen Schlag nach Sassnitz traten wir schon relativ früh an. Für den Nachmittag waren Gewitter vorausgesagt und nachfolgend für weitere Tage Starkwind und Regen. Da wettern wir doch lieber dort ab und lassen es uns in dem Städtchen gutgehen. Wir hatten gerade am Steg festgemach, da fing es auch schon an zu regnen – das angesagte "Schietwetter" kann nun kommen!


24.06.2017

Die Wetterprognose hatte nur für heute eine geeignete Möglichkeit zur Weiterfahrt nach Swinemünde (PL) vorausgesagt. 5 – 6 bft aus West (immer noch!) mit Böen Stärke 7 am Nachmittag sollten mit Reff im Groß zu schaffen sein. Manuela und Ronald, die auch lieber in Sassnitz abgewettert hatten, liefen ca. eine halbe Stunde voraus! Mit durchgängig 5 – 6 kn Fahrt liefen wir bei Halbwind Richtung Ziel. Soooo darf Segeln sein!


26.06.2017

Nach einem gemeinsam verbrachten, schönen Abend an Bord der Summertime trennten sich nun unser Weg und der von Manuela und Ronald! Wir wollten lieber direkt nach Hause, einen Tag früher als eigentlich geplant. Wieder mit gutem Halbwind und Reff im Groß querten wir das Haff und erreichten zeitig unseren Ausgangs-Seehafen in Gozlaw. Es war noch mal ein herrlicher Schlag unter Segel geworden, aber leider auch der letzte auf dieser Fahrt!


27.06.2017

Früh hatten wir, nach Vorbereitung am Vorabend, den Mast gelegt und konnten bereits mittags auslaufen. Kurz nach Eins erreichten wir die Autobahnbrücke in Stettin (PL) – wir hatten wieder Binnengewässer erreicht!


27.06.2017 – 03.07.2017

Die Rückfahrt verlief bis zur Schleuse Lehnitz ereignislos. Lehnitz hatten wir am frühen Nachmittag des 29. Juni erreicht. Nach Passieren der Schleuse setzte Regen ein. Schon bald kam es "aus Eimern" herunter, die Sicht reduzierte sich bisweilen auf wenige Meter und wir konnten zeitweise nur Schritttempo fahren. Der vermeintlich heftige gewittrige Schauer entpuppte sich schließlich als Dauerregen. Völlig durchnässt erreichten wir das Spreekreuz (km 9,0), an dem wir immer, zur Weiterfahrt am nächsten Morgen, übernachten. Am Abend erschien die Wasserschutzpolizei und warnte uns vor Hochwasser und starker Strömung. Alle Innenstadtschleusen waren geschlossen, ohne absehbares Ende. Wir waren gefangen und konnten nicht mehr weiter. Am nächsten Tag erhielten wir die Auskunft, daß alle Schleusen mindestens über das ganze Wochenende geschlossen bleiben sollten. Wir fuhren also mit dem Bus nach Hause!

Erst am Montag, den 3. Juni, nach meinem ersten Arbeitstag, konnten wir das Boot abholen und erreichten, bei Dunkelheit, den Heimatsteg. Wir hatten ein Jahrhundert-Hochwasser hinter uns.


Fazit

Es ist immer schön, mit dem Boot unterwegs zu sein. Egal, wohin es einen treibt! Deshalb werden wir uns zukünftig kein festes Ziel, das es dann unbedingt zu erreichen drängt, festlegen. Manuela und Ronald haben uns gezeigt, es ist besser zu schauen, welches Ziel unter den an der Küste gegebenen Bedingungen zu erreichen möglich ist. So hätten wir bei anhaltend westlichen Winden besser nach Bornholm, oder sogar nach Schweden, segeln sollen. Beides wäre, auch im Hinblick unserer knapp bemessenen Zeit, gut machbar gewesen! So werden wir es in der nächsten Saison vorbereiten. Wir freuen uns schon darauf!

Nachsatz:
von der polnischen Küstenwache haben wir nichts mehr gehört. Diese hatte in ihrem Bericht auch als Begründung für unser Fehlverhalten ausführlich über unsere Schäden am Boot berichtet und darin festgestellt, daß wir uns um unser Boot kümmern mußten – anscheinend eine ausreichende Entschuldigung für unser Fehlverhalten

zweiter Nachsatz:
der Schlepp nach Vitte (ca. 1 sm) wurde als "technische Hilfeleistung" mit einem Stundensatz von 200 € / Std. berechnet


Unterlagen zur Vorbereitung:

Revierführer Ostsee
DSV Verlag

Info-Pool der KA
5660 Dänemark,
5670 Polen

Seekarten des BSH
3006, Ausgabe 2015/2016, berichtigt bis NfS 22/2017
3020, Ausgabe 2016/2017, berichtigt bis NfS 22/2017

Seekarte NV Verlag,
Serie 2, Ausgabe 2017, berichtigt bis MBS 05/2017

Funkdienst für die Klein- und Sportschifffahrt 2015 des BSH

Yachtpilot DSV-Verlag, Ausgabe 2010/2011


Wetterbeobachtung:

Tagesaktuelle Prognose zur Wetterlage:
Bodenkarten des Wassersportinformationsdienstes (WIND) der FU Berlin

Tagesaktuelle Prognose zum Wellengang:
Deutscher Wetterdienst DWD

Tages- und ortsaktuelle Prognosen zu Windrichtung und –stärke:
Windfinder

Tagesaktuelle Prognosen der besegelten Seegebiete:
Sms-Dienst von Wetterwelt.de

Luftdruckverlauf (Barographie) nach eigenen handschriftlich-graphischer Aufzeichnung (Barometer)


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